Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (08.01.204)

In der philosophischen Praxis muss Widerspruch ausgehalten werden, ohne dass es zum Streit bzw. Zur Trennung kommt. Daher sucht die Philosophie nach dem Dialog und versucht, Kritik in diesen zu integrieren. Hier zeigt sich, dass die Krise, die aus der verlorenen Einheit der antiken Menschen entstanden ist, nicht nur im negativen Sinne zu sehen ist. Im Dialog wird auch der eigentliche Gegenstand der Philosophie geklärt: die Wahrheit. Die Wahrheit umfasst dabei neben der Erklärung des eigentlichen Ist-Zustands auch die Erklärung, warum uns der Zustand in einer bestimmten Art und Weise erscheint.

Gültigkeit von Erkenntnissen

Ein großes Problem auf dem Weg zur Wahrheit ist die Frage danach, womit die Gültigkeit von Erkenntnissen garantiert werden kann. Dies ist ursächlich für die Existenz des Widerspruchs, der dadurch entsteht, dass die Gültigkeit von Behauptungen angezweifelt wird. Dabei ist der Zweifel sowohl gegenüber anderen als auch (durch die Möglichkeit der menschlichen Selbstreflexion) auch gegenüber uns selber möglich. Um von Wahrheit zu sprechen, müssen zwei Komponenten enthalten sein. Einerseits die Wahrheit selbst, d.h. die Übereinstimmung der Gedanken mit der Welt. Andererseits aber auch das Fürwahrhalten, d.h. die Meinung, dass diese Übereinstimmung korrekt ist.

Während die Sophisten das Fürwahrhalten als Wahrheit verkauft haben, sind Philosophen im Gegensatz dazu an der eigentlichen Wahrheit interessiert. Da die Möglichkeit existiert, sich zu irren, stellt sich allerdings die Frage, warum wir uns nicht immer irren. Nach Platon führt die Allgegenwart des Irrtums dazu, dass auch Philosophen zu Sophisten werden können. Dies lässt sich auch im Alltag beobachten, da es nicht selten passiert, dass für wahr Gehaltenes als Wahrheit angesehen wird. Dies führt dann zum Dogmatismus, bei dem jede Skepsis gegenüber der eigenen Person abgelegt wird. Im Gegensatz dazu besteht aber auch die Gefahr eines radikalen Skeptizismus, bei dem dann gar keine Wahrheit mehr existiert. Beispielhaft für diese Position ist die These von Gorgias von Leontinoi, wonach absolute Wahrheit nicht existiert sondern Wahrheit nur in Abhängigkeit vom Kontext gesehen werden kann. Dies führt dazu, dass Wahrheit auf das Fürwahrhalten in bestimmten Situationen reduziert wird.

Bei Platon ist der Irrtum eine bloße Form des Unwissens und damit identisch mit Nichtwissen. Dies liegt darin begründet, dass er die Wahrnehmung als nicht rein passive Tätigkeit annimmt, die unabhängig von der bloßen Affiziertheit des Wahrgenommen ist. Das heißt, der Gegenstand der Wahrnehmung muss unabhängig von dieser existieren. Jedes Urteil kann nun ein Fehlurteil sein, da die Erscheinung viele Quellen haben, die womöglich die eigentliche Quelle verdecken. Nach Platon besteht der Irrtum also darin, dass es keine Erkenntnis von der richtigen Quelle gibt. Diese Position lässt sich allerdings heutzutage nicht mehr halten, da der Irrtum zwar Komponenten des Unwissens enthält aber nicht das gleiche wie dieses ist.

Irrtum und Möglichkeiten der Erkenntnis

Die Möglichkeit des Irrtums führt dazu, dass es verschiedene Thesen gibt, wie sich dieser Irrtum auf die Möglichkeiten der Erkenntnis auswirkt. Auf der einen Seite steht die These, dass der Irrtum nicht beseitigt werden und es daher keine Erkenntnis frei von Irrtum geben kann. Dem steht die These gegenüber, dass es mindestens eine Erkenntnis gibt, die absolut frei von Irrtum ist.

Im ersten Fall ist die Erkenntnis immer mit Irrtum belegt. Nun lässt sich weiter unterschieden, ob dieser Irrtum isolierbar ist oder nicht. Die Möglichkeit der Isolation des Irrtums wird unter anderem von John McTaggart (1866 – 1925) vertreten. Dabei wird der Irrtum durch eine genaue Besinnung auf die Bestimmung eines Begriffs isoliert. In seinem Werk The Unreality of Time definiert er Zeit als bloße Erscheinung. Dies führt dazu, dass es auch Erkenntnis gibt, die zeitlos ist (wie z.B. die Wahrheit).

Ist der Irrtum nicht isolierbar ist hingegen kein Aussage über die Quelle des Irrtums möglich und damit existiert auch keine Möglichkeit, zur Wahrheit zu gelangen. Im Endeffekt führt dies dazu, dass Wahrheit immer dogmatisch ist. Ein Vertreter dieser Position ist unter anderem Sextus Empiricus. Danach sind sogar die Begriffe mit unvermeidlichem Irrtum behaftet, da sie nur Konzepte ohne reale Anwendung sind. Die These dieser radikalen Skepsis kann nicht sinnvoll widerlegt werden, da jegliche Erwiderung neu angezweifelt wird. Allerdings gibt es in der Begründungskette einen dogmatischen Abbruch an dem Punkt, an dem nach der Wahrheit der Behauptung des Skeptikers gefragt wird.

Im Gegensatz zum radikalen Skeptizismus behauptet der sogenannte methodische Skeptizismus, dass es mindestens eine Erkenntnis gibt, die absolut frei von Irrtum ist. Die Grundannahme ist hier, dass es keinen Irrtum geben kann, ohne dass auch Wahrheit existiert (analog: Schatten gibt es nur, wenn es auch Licht gibt). René Descartes (1596 – 1650) führt in seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie die eine existierende Wahrheit auf den Gedanken „Ich denke“ hin. Zuvor eliminiert er andere Kandidaten wie die Sinne (diese können täuschen) und die Vorstellungen (die Träume sein können). Aber auch mathematische Wahrheiten könnten ein nur vorgetäuschtes abgeschlossenes wahres System bleiben.

Als einziger Gedanke bleibt der Zweifel, also das Denken übrig. In der Aussage „Ich denke“ fällt die Wahrheit mit dem Fürwahrhalten zusammen, da der Zweifel ein Modus des Denkens ist. Neben dem Denken ist mit „Ich denke“ auch das Subjekt gewonnen, da Denken als Zustand eines Subjektes angesehen wird. Allerdings erkennt Descartes hiermit nur das Einzelne (das Ich) an. Um sicherzustellen, dass es neben dem Ich auch andere gibt, ist ein zweiter Gedanke bzw. eine zweite Existenz notwendig.

Dieser zweite Gedanke ist bei Descartes die eigene Unvollkommenheit. Diese ist einerseits wahr (da wir uns täuschen können), andererseits genauso evident wie das Ich. Dies Unvollkommenheit verweist nach Descartes auf ein vollkommenes Wesen, das uns diesen Gedanken gegeben hat und damit der Grund unserer Existenz ist: Gott. Dieser Gott ist unter anderem auch der Garant dafür, dass unsere Wahrnehmung von anderen Denken sowie die mathematischen Wahrheiten richtig sind. Der zweite Gedanken ist nach Descartes auch der Gedanke, der die Menschen von den Tieren unterscheidet. Tiere haben den zweiten Gedanken an die eigene Unvollkommenheit nicht, da sie an sich vollkommen sind bzw. im Gegensatz zum Menschen ohne Hilfsmittel auskommen.

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