Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (22.01.2014)

Die grundlegende Gegenposition zu einem neurotischen Skeptizismus besteht darin, die Existenz mindestens einer basalen Wahrheit zu postulieren, wobei der Inhalt dieser Wahrheit zunächst nicht von Bedeutung ist. In der Philosophiegeschichte lassen sich verschiedene Varianten dieser Wahrheit identifizieren: Descartes zieht sich auf das eigene Denken zurück, der Empirismus (z.B. Hume, Locke, Carnap) sucht die Wahrheit in der Sinneswahrnehmung bzw. den Eindrücken. Andere Herangehensweisen wählen der Pragmatismus (die Welt gibt uns eine Struktur vor) und der Universalienrealismus (die Wahrheit besteht aus mehreren Komponenten).

Positionen zur basalen Wahrheit

Die basale Wahrheit bei Descartes ist der Rückzug auf das eigene Denken und damit die eigene Existenz. Dies reicht alleine allerdings nicht aus, um zu anderen Wahrheiten zu gelangen. Descartes führt daher die Existenz Gottes ein. Dieser garantiert die anderen Wahrheiten, die außerhalb der eigenen Person liegen. Dies ist insofern problematisch, als dass damit die Wahrheit von der Garantie einer dritten Instanz abhängig ist.

Die Empiristen Hume, Locke und Carnap führen den cartesianischen Ansatz fort, ohne allerdings die Existenz Gottes zu behaupten. Stattdessen wird die Wahrheit durch die Sinneswahrnehmungen bzw. Eindrücke garantiert. Diese Position hat allerdings Probleme mit induktiven Behauptungen, da aus der Tatsache, dass etwas ist, noch keine Garantie für die Fortsetzung dieser Tatsache existiert. Beispielsweise können wir beobachten, dass die Sonne jeden Tag aufgeht. Dies führt allerdings nicht notwendig zur Wahrheit der Behauptung, dass die Sonne auch morgen aufgeht. Es stellt sich also die Frage, woher wir wissen können, dass das, was wir erwarten auch das ist, was wir erwarten sollen; mithin ist man dadurch der Empirie ausgeliefert, wobei insbesondere festzuhalten ist, dass selbst äußerst unwahrscheinliche Ereignisse nicht ausgeschlossen werden können. Nach Quine ergibt sich eine weitere Problematik bezüglich der Gewissheit der Logik. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die empiristische Position keine anderen unabhängigen Wahrheiten liefert. Dieses Problem teilt sie allerdings auch mit anderen erkenntnistheoretischen Ansätzen, die ohne einen Garanten der Wahrheit (wie z.B. Gott bei Descartes) vorgehen.

Der Pragmatismus verfolgt insofern einen anderen Ansatz als die bisherigen Positionen, als dass er davon ausgeht, dass die Welt uns Struktur vorgibt. Die Welt ist so wie sie ist und kann nicht geändert werden. Wir werden durch die verschiedenen Praxen, die realiter in der Welt existieren, geprägt. Wie der Begriff der Praxis genau zu verstehen ist, bleibt allerdings unklar, da ein Garant für die Basis fehlt. Demnach muss unterstellt bzw. gesetzt werden, was als Praxis gilt und was nicht (Plätzchen backen gilt als Praxis, vergiftete Plätzchen backen hingegen nicht). Es ist also notwendig, die Praxis von Dingen abzugrenzen, die nur wie Praxen scheinen. Dies erfordert allerdings „gute“ Menschen oder Prinzipien. Da die Prinzipien nicht aus der Praxis kommen können, stellt sich weiterhin die Frage, womit sie begründet werden.

Während die Wahrheit in den bisherig vorgestellten Positionen einfach ist, d.h. aus einem einzelnen Inhalt besteht (Descartes: ich denke, Pragmatismus: es gibt eine Lebenswelt), geht der Universalienrealismus von einem Wahrheitsbegriff aus, der aus mehreren Komponenten besteht. Da die Komponenten allerdings nicht für sich alleine bestehen können, kann der Wahrheitsbegriff nicht in seine einzelnen Bestandteile zerlegt werden. Ausgangspunkt ist, dass das Ich als etwas Gemeinschaftliches verstanden wird, d.h. jeder ist ein Ich im Sinne von jeder ist ein Mensch, womit sich eine Einheit zwischen jeder von uns und Ich ergibt. Mit der Betrachtung des Ich als etwas Allgemeines, wird es auch möglich, die Wirkung des Ich auf ein anderes Ich zu verstehen. Nach der universalienrealistischen Position liegt der Fehler des Cartesianismus nun darin, dass das ego cogito nicht nur einfach zu denken ist.

Der Universalienrealismus unterscheidet nun auf der einen Seite zwischen einer Dass-heit (Haecceitas, etwas existiert im Hier und Jetzt) und einer Was-heit (Quidditas, etwas existiert als etwas Bestimmtes). Das Wissen über beide Komponenten bildet die Grundlage der Wahrheit. Aus der Existenz des Haecceitas (dass also Dinge existieren) folgt, dass es auch Quidditas (was diese Dinge sind) gibt. Die Gründe für die Quidditas sind dabei bestimmte Formen, Pläne oder Konzepte, die wir erkennen können. Diese Unterscheidung kann getroffen werden, da wir unmittelbare Erkenntnis einer bestimmten Dass- und Was-heit haben: dem Ich. Um zur Wahrheit zu gelangen, stellt sich also die Frage, welche Elemente eines Dinges sich dem Dass und welche sich dem Was verdanken. Die Suche nach der Was-heit ist nun genau die Aufgabe der Wissenschaft.

Die Position des Universalienrealismus bestreitet nicht, dass sich Wissenschaft irren kann. Dies wird allerdings nur dann problematisch, wenn dieser Irrtum in Dogmatismus umschwenkt, d.h. wenn die Dass-heit eines Dings als dessen Was-heit betrachtet wird. Von besonderer Schwere ist dieser Dogmatismus bei der Untersuchung der Was-heit des Menschen; liegt hier ein Fehlurteil vor, kann dies zur Folge haben, dass nur ein bestimmtes Verhalten als angemessen betrachtet und alles andere zum Defekt erklärt wird. Als erfolgreichste Methode, um den Dogmatismus zu vermeiden, bietet es sich an, skeptisch zu bleiben und Wesensbehauptungen auf ihre Notwendigkeit hin zu hinterfragen.

Wahrheitstheorien

Unabhängig davon, welche Aussage in den verschiedenen Positionen für wahr gehalten wird, ist abschließend noch zu klären, was unter Wahrheit eigentlich zu verstehen ist. Dabei lassen sich drei unterschiedliche Theorien unterscheiden: die Korrespondenztheorie, die Kohärenztheorie und die Konsenstheorie.

Wahrheit nach der Korrespondenztheorie liegt dann vor, wenn Gedanken den Dingen entsprechen, d.h. wenn es eine Übereinstimmung zwischen dem Fürwahrhalten eines Dings und dem Ding an sich gibt. Darüber hinaus müssen auch die Zusammenhänge zwischen Gedanken mit den Zusammenhängen der Dinge korrespondieren, um einen parallelen Ablauf von Schlussfolgerungen mit einer Kette von Dingen sicherzustellen. Problematisch an dieser Theorie ist, dass zwei Merkmale, die nichts miteinander zu tun haben, koinzidieren. Da der Gang der Gedanken unabhängig vom Gang der Ereignisse ist, können beide Merkmale auch durch rein kontingente Dinge zutreffen.

Um dieses Problem der Korrespondenztheorie zu eliminieren, spricht die Kohärenztheorie dann von Wahrheit, wenn Gedanken ein zusammenhängendes Netz bilden. Demnach reicht es aus, wenn es keine Einwände gegen eine Aussage gibt, d.h. eine kohärente Geschichte entsteht. Fraglich ist an dieser Stelle allerdings, woher das Wissen über diese Kohärenz kommt. Dazu ist es notwendig, von einem gewissen Anfangspunkt auszugehen, d.h. man muss gewisse grundlegende Wahrheiten annehmen. Alles, was aus diesem System der Elementarwahrheiten abgeleitet werden kann, ist dann kohärent. Um Kohärenz herzustellen, sind Urteile eines bestimmten Typs notwendig: synthetische Urteile a priori. Woher das Wissen kommt, ob ein Urteil synthetisch a priori ist, ist allerdings unklar.

Die Konsenstheorie geht von einer schon vorhandenen Welt aus, in der bestimmte Dinge als selbstverständlich gelten. Sollte an einer der existierenden Wahrheiten gezweifelt, wird solange über diesen Zweifel geredet, bis es zu einer Einigung kommt. Damit ist hier der Konsens die Basis für Kohärenz, so dass Gedanken ein konsensuelles Netz bilden. Die Kernthese der Konsenstheorie der Wahrheit besteht darin anzunehmen, dass eine Gedanken gibt, die von der Gemeinschaft als wahr angesehen werden und Gedanken, die dazu passen, als gut anzusehen.

Beide Alternativen der Korrespondenztheorie haben das Problem, dass sie Wahrheit nicht garantieren können. Weder folgt aus Kohärenz Wahrheit noch lässt sich ausschließen, dass Menschen, die zu einem Konsens gekommen sind, sich irren. Kohärenz und Konsens sind also notwendige Bestandteile der Wahrheit aber nicht hinreichend zu deren Sicherstellung. Damit kann die Korrespondenztheorie nicht aufgegeben werden; zur Lösung der Problematik wird angenommen, dass es mehr als einen Ansatz zur Korrespondenz gibt, d.h. die Korrespondenz von Gedanken zur Welt (empirische Wahrheit) wird anders untersucht als die Korrespondenz von Gedanken untereinander (logische Wahrheit).

Neben der Untersuchung der Theorien zur Wahrheit wird in der Philosophie allerdings auch die These vertreten, dass wir den Begriff der Wahrheit überhaupt nicht benötigen. Denn entweder entspricht ein Gedanke einem Fakt oder eben nicht. Bei dieser Interpretation wird allerdings unterschlagen, dass im Begriff der Wahrheit nicht nur etwas Faktisches steckt sondern auch ein Sollen enthalten ist. Wird Wahrheit nur als faktisch angesehen, geht damit der Verlust der Normativität der Wahrheit einher.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Wahrheit also keine Eigenschaft von Gegenständen sondern ein Attribut von Gedanken ist, das etwas über die Beziehung der Gedanken zur Welt aussagt. Da die Wahrheit normativ ist kann sie nicht eliminiert werden und ist auch nicht auf die bloße Entsprechung eines Wortes zur Welt reduzierbar. Weiterhin kann die Wahrheit auch nicht auf innere Korrespondenz oder auf Konsens reduziert werden, da Einwandfreiheit nicht das Wesen sondern nur ein Teil der Wahrheit ist.

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