Jerusalem in acht Tagen – Tag 5 und 6

Am fünften Tag war schon wieder Samstag und damit dank der glorreichen Feiertagsregelung des Staates Israel Sabbat halten angesagt. Nichts leichter als das, denkt sich der Reisende und macht das, was viele Jerusalemer_innen zum Sabbat machen: in den Park gehen. Denn im Gegensatz zu den ganzen Museen etc. sind Parks und Grünanlagen offen und ein beliebtes Ausflugsziel. Konkret haben wir den Militärfriedhof und den Mount Herzl direkt vor der Haustür, also bietet sich ein Besuch dort natürlich an. Auf dem Militärfriedhof finden sich eine Reihe von Denkmälern für gefallene Jüdinnen und Juden in den verschiedenen Kriegen; angefangen vom zweiten Weltkrieg bis hin zu den aktuellen Auseinandersetzungen der IDF.

Sabbat und Yad Vashem Teil II

Das ganze Areal ist unglaublich groß und lädt zum Verweilen und auch Nachdenken ein; man merkt direkt, wie wichtig die Erinnerung hier ist. Auch wenn sich die politische Richtung des Staates Israel in den letzten Jahren und Jahrzehnten doch teilweise deutlich von den Anfangsjahren unterscheidet, wird hier ausnahmslos allen gedacht: von kommunistischen Kämpfer_innen der Roten Armee bis hin zu Rechtsaußenablegern aus der Politik. Das verbindende Moment ist das Judentum, egal ob religiös oder säkular gedacht. Neben den ganzen Denkmälern gibt es außerdem ein paar schöne Ausblicke auf die Stadt Jerusalem, die man vom Berg aus sehr gut überblicken kann. Und ehe man sichs versieht, ist der Tag auch schon wieder vorbei.

Ein kleiner Blick vom Militärfriedhof auf dem Mount Herzl Richtung Neustadt Jerusalems.

Ein kleiner Blick vom Militärfriedhof auf dem Mount Herzl Richtung Neustadt Jerusalems.

Das heißt, es ist schon wieder Sonntag und damit der sechste Tag meines kleinen Aufenthalts in Jerusalem. Den nutze ich, um nochmal Richtung Yad Vashem aufzubrechen. Auch das ist von unserer Unterkunft aus via Mount Herzl erreichbar; es gibt einen verbindenden Pfad, der künstlich angelegt ist und die Geschehnisse von der Shoa und dem Ende des zweiten Weltkriegs bis zur schwierigen Staatsgründung Israels aufzeigt. Auch wenn ich beim zweiten Yad-Vashem-Besuch dort angesetzt habe, wo ich beim ersten aufgehört habe, habe ich immer noch nicht alles gesehen. Dieses Museum ist einfach zu beeindruckend, um schnell durchzurennen und alles nur halb mitzunehmen.

Gab es das letzte Mal eine kleine Anmerkung an die wir-haben-keine-Beweise-Front, ist diesmal die wir-wussten-von-nichts-Front an der Reihe. Es wird eindrücklich gezeigt, dass das Morden am helllichten Tag und unter den Augen vieler Zeugen stattgefunden hat. Und die Beiläufigkeit, mit der die Wehrmacht damals mordend durch die Lande gezogen ist, macht einen doch ziemlich sprachlos. In den Teilen, in denen ich diesmal war, ging es vielfach darum, dass Jüdinnen und Juden vor dem Hilter-Regime ganz normaler Teil Deutschlands waren; sie hatten Geschäfte, sie waren im 1. Weltkrieg in deutschen Schützengräben, sie waren das, was man heutzutage so schön integriert nennen. Und dann kam der neue Judenhass von einen auf den anderen Tag wie eine Welle über die Jüdinnen und Juden. Viele Augenzeug_innen haben berichtet, dass sie anfangs noch glaubten, dass das alles vorbei geht und nur eine kurze Phase sei. Denn es war den meisten unerklärlich, wo dieser Hass auf einmal her kam. Und erst mit der Zeit haben sie realisiert, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Flucht oder Tod. Tatsächlich ein beeindruckendes Mahnmal!

Das Ende der Ferienzeit: Pessach ist vorbei

Nach dem Besuch in Yad Vashem ging es erst mal wieder zurück zu Emily und Adi, wo wir uns dann alle schick gemacht haben. Denn der Kreis zum Beginn der Reise schließt sich heute Abend: Pessach ist vorbei. Und der letzte Pessach-Tag (ein weiterer Sabbat-Tag) wird mit dem Vorabend und einem Beisammensein bei Adis Familie eingeleitet. Im Gegensatz zum Seder-Essen des ersten Tags gibt es hier keine Haggada mit Regeln. Stattdessen ist es einfach ein gemütliches Essen im Kreis der (erweiterten ) Familie.

Wer da nicht neidisch wird, dem ist nicht zu helfen: So sah unsere letzte-Pessach-Abend-Tafel (am Anfang) aus.

Wer da nicht neidisch wird, dem ist nicht zu helfen: So sah unsere letzte-Pessach-Abend-Tafel (am Anfang) aus.

Beim Essen haben wir uns auch ein bisschen über die Situation mit den Ultraorthodoxen unterhalten. Adis Eltern sehen es schon als Problem an, dass diese eine immer größere Gruppe bilden. Das führt sogar soweit, dass das ihr letztes Pessach-Fest in Giv’at Ze’ev ist. Denn auch dort wird die Gemeinde der Ultraorthodoxen immer größer, weswegen sie wegziehen. Nach Jerusalem, wo es zumindest noch ein paar Ecken gibt, die nicht komplett religiös sind; auch wenn es immer schwieriger wird, eine solche Wohngegend zu finden. Das scheint mir tatsächlich eine ziemlich große Herausforderung für die israelische Gesellschaft in den nächsten Jahren zu werden.

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