Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (15.01.2014)

Die Frage, wann und ob überhaupt Wissen gültig ist, unterscheidet die sophistische von der philosophischen Position. Während der Sophismus behauptet, dass es kein gesichertes Wissen gibt, vertritt die Philosophie die These der Einheit von Wissen und Irrtum. Bei Platon und Aristoteles ist der Irrtum das Fehlen von Wissen und damit muss es durch die Existenz des Irrtums auch gesichertes Wissen geben. Die sophistische Ansicht hat sich zum Skeptizismus weiterentwickelt, deren antike Vertreter unter anderem Pyrrhon von Elis und Sextus Empiricus sind. Insbesondere Empiricus vertritt einen neurotischen Skeptizismus, demzufolge es keine Wahrheit gibt. Als philosophische Position ist dies allerdings keine tragbare These; dementsprechend wurden weitere Positionen zur Wahrheit und deren Geltung entwickelt.

Skeptizismus

Empiricus zufolge kann es keine Wahrheit geben, da diese die Entsprechung der Gedanken mit der Welt ist und diese Gedanken nicht immer übereinstimmen. Beispielsweise haben wir den Begriff der Geraden, die nur Länge aber keine Breite besitzt. In der Realität müssten zwei Geraden also miteinander verschmelzen, was wir aber nicht beobachten können. Wahre Schlussfolgerungen sind nach Empiricus entweder bereits analytisch wahr und damit schon vorher bekannt und keine Schlussfolgerungen oder sie betreffen nur Affekte eines Menschen selber. Alle, die diese Theorie ablehnen, sind Dogmatiker, da sie nur behaupten können, im Besitz der Wahrheit zu sein (sie verkaufen doxa als epistema).

Eine skeptische Gegenposition zum neurotischen Skeptizismus ist der methodische Skeptizismus. Dieser negiert die Existenz des Irrtums nicht aber er behauptet auch, dass es mindestens eine irrtumsfreie Erkenntnis gibt. Dies ist bei Descartes das Ich denke. Da ich etwas anzweifle, wird die Existenz eines denkenden Wesens Wahrheit. Aufbauend auf dem Gedanken Ich denk entwickelt Descartes eine Theorie der Wahrheit und untersucht, wie der Irrtum eliminiert werden kann. Er kommt damit zum zweiten Gedanken von der eigenen Unvollkommenheit; ich habe mich z.B. nicht selbst erschaffen und existiere auch nicht ewig. Aus diesem Gedanken folgert Descartes, dass es auch eine ewige, vollkommene Existenz geben muss, die bei ihm Gott ist. Da Gott keinen Makel und keine negativen Eigenschaften hat kann (bzw. will, da bei Gott können und wollen zusammenfällt) er nicht lügen. Damit ergibt sich aber auch, dass angeborene Wahrheiten wie z.B. mathematische, die wir in unserem Geist finden, wahr sind. Neben diesen bereits absoluten Wahrheiten gibt es noch Wahrheiten, die nicht absolut sind, nach Descartes aber verbessert werden können und sollen; dies ist auch das Ziel der Wissenschaften.

Descartes Position wurde aus mehreren Richtungen angegriffen. Insbesondere die Theologie der katholischen Kirche kritisiert die beiden Modi der Existenz res cogitans und res extensa. Dies sind zwei univoke Dinge, die Gott erschaffen hat, und die in gleicher Art und Weise existieren. Während die res cogitans, also die denkende Substanz, auch ohne Gott existieren kann, benötigt nur die res extensa, die ausgedehnte Substanz, diesen. Dies widerspricht aber den Überzeugungen der katholischen Kirche, wonach sowohl Leib als auch Seele wieder auferstehen und nicht nur die Seele überlebt. Darüber hinaus ist Descartes‘ Gott nur logisch begründet und nicht ontologisch.

Mit der Unterscheidung zwischen res cogitans und res extensa ergibt sich auch das Problem der Wechselwirkung zwischen diesen beiden Substanzen. Das heißt, hier wird die Frage danach gestellt, wie das Denken auf den Körper wirkt und umgekehrt. Bei Descartes muss die Wechselwirkung zwischen beiden Substanzen von gleicher Gestalt sein, wie die Bewegungen in der res extensa (Bewegungen durch Stöße). Hier gerät der cartesianische Dualismus allerdings in Erklärungsschwierigkeiten, da Gedanken nichts bewegen können und somit die Interaktion zwischen beiden Substanzen nicht geklärt ist.

Bei Descartes hängt die Gültigkeit des Wissens bzw. der Wahrheit von Gott ab. Gott garantiert also, dass es eine absolute Wahrheit gibt, er garantiert aber nicht, dass wir diese Wahrheit auch finden. Damit ist weiterhin Irrtum möglich und der neurotische Skeptizismus kann damit nicht überwunden werden.

Der cartesianische Ansatz kollabiert dann vollständig, durch den modernen Atheismus. Da Gott bei ihm nicht ontologisch sondern nur logisch notwendig ist, bleibt ohne Gott nur die Wahrheit, dass ich existiere übrig. Im Gegensatz dazu können alle Eindrücke, die auf mich einwirken, also im Speziellen auch andere Menschen, bloßer Traum sein, der nicht von echtem Wissen unterschieden werden kann. Womöglich reicht die eigene Existenz aber aus, da wir nur dieses eine Leben haben. Dies ist insbesondere bei Hume, dem Wiener Kreis und Wittgenstein vertreten, die Wahrheit als intersubjektiv und nicht als objektiv ansehen. Diese Position ist allerdings insofern problematisch, als sie recht schnell in Dogmatismus umschlagen kann, da jeder alles behaupten kann.

Neben dem Gelten der Wahrheit ist Gott bei Descartes auch der Garant des So-Sein-Sollens. Entfällt nun dieser Gott, entfällt auch das Sollen aus der Welt. Damit jeder Mensch sein eigenes Sollen und ist selber Quelle der Normativität. Dies widerspricht allerdings unserem Verständnis, wonach es auch allgemeine Sollenswahrheiten gibt, die für alle Menschen gelten wie z.B. die Menschenrechte.

Trotz der angesprochenen Probleme, hat sich Idee Descartes, dass es mindestens eine Wahrheit gibt, in der modernen Philosophie durchgesetzt. Weiterhin hat sich die cartesianische Deduktion als Standardmethode etabliert, um einen gewissen epistemischen Boden zu erreichen, z.B. bei Kant und Husserl. Dem steht eine andere Herangehensweise entgegen, die versucht, aus herrschenden Begriffen abzuleiten, was existiert, z.B. Spinoza, Hegel, Marx.

Pragmatismus

Da der cartesianische Ansatz durch den modernen Atheismus kollabiert stellt sich die Frage, ob es eine Wahrheit gibt, für die Gott nicht notwendig ist. Die Wahrheit kann die Welt sein, so wie wir sie erleben. Die darin enthaltene Praxis prägt uns und ist für uns selbstverständlich. Sie wird erst hinterfragt, wenn etwas nicht mehr im geplanten Sinne funktioniert. In der Praxis fallen also das Fürwahrhalten und die Wahrheit in einem gewissen Sinne zusammen. Die philosophische Position hinter dieser These ist der Pragmatismus, wonach die Grundlage der Wahrheit in der Welt liegt und damit vorwissenschaftlich ist.

Die Grundlage der Wahrheit des Cartesianismus liegt im Denken und ist damit solitär (es gibt also nur „Iche“). Der Pragmatismus hingegen geht von einer sozialen Wirklichkeit aus, die auch Kooperation beinhaltet; d.h. verschiedene Tätigkeiten sind aufeinander bezogen und bilden damit sogenannte partikuläre Praxen. Auch wenn die Praxen selber nicht hinterfragt werden können, lässt sich das Wesen der Praxen extrahieren. So gibt es verschiedene Arten von Praxen:

  • poietische Praxen stellen etwas her, z.B. verschiedene Handwerke
  • kommunikative Praxen umfassen u.a. die Sprache
  • formale Praxen stellen das Funktionieren anderer Praxen sicher, z.B. Rechnen und Schreiben

Die Wissenschaften entstehen durch Reflexion der Praxen und sind selber Praxen, die andere Praxen unterstützen sollen. Philosophie als besondere Wissenschaft hat demnach die Aufgabe, das System der Praxen zu stabilisieren. Im Pragmatismus sind mit Wahrheit Handlungsanweisungen gemeint, die in der Praxis zum Erfolg führen. Das Denken legt frei, was in der Praxis vorhanden ist. Einige Vertreter pragmatischer Positionen sind William James, John Dewey, Charles Peirce, Paul Lorenzen, Robert Brandom und Nancy Cartwright.

Aus der Theorie des Pragmatismus ergeben sich einige problematische Folgen. Zunächst können verschiedene Praxen inkommensurabel sein; obwohl sie also in gleicher Weise erfolgreich sind, können sie völlig verschieden vorgehen. Dies kann logisch nicht ausgeschlossen werden und ist auch empirisch ersichtlich. Weiterhin ist es möglich, dass eine Praxis auf unterschiedliche Weisen reflektiert wird, z.B. die Rechtspraxis mit den beiden Positionen Naturrecht und Rechtspositivismus.

Ein großes Problem ergibt sich schließlich in der Bestimmung der Praxis selbst, d.h. die Frage danach, was als Praxis gezählt werden kann. Beispielsweise hat die Praxis der Verbrechensverfolgung eine stabilisierende Funktion für die Gesellschaft und erlaubt theoretisch auch Folter. Allerdings wird Folter, obwohl sie systematisch angewendet wird, nicht als Praxis bezeichnet. Auch die Kriegsführung ist keine Praxis, da Krieg niemals um seiner selbst willen geführt wird sondern nur als Weiterführung der Politik existiert. Ohne eine normative Bestimmung der Praxis ist aber keine Grundlage der Wahrheit möglich, so dass diese nur aus dem alltäglichen Leben kommen kann. Hier zeit sich ein großes Problem am Pragmatismus, dass ein positiver Begriff für die Praxis fehlt. Dies führt zur Gefahr des Relativismus, indem einfach irgendein faktischer Nutzen angegeben wird (wie z.B. beim Utilitarismus), der dann nur zu einer bloß relativen Wahrheit führt.

Universalien-Realismus

Da sowohl der Cartesianismus (dieser erfordert die Existenz Gottes) als auch der Pragmatismus (dieser erfordert moralisch integre Menschen) natürliche Grenzen besitzen, wurden weitere Theorien der Wahrheit entwickelt. Eine dritte Position vertritt z.B. der Universalien-Realismus. Danach gibt es nicht nur Einzelheiten (wie das Ego bei Descartes) sondern auch Allgemeinheiten. Die These des Universalien-Realismus ist nun, dass es unmittelbare Erkenntnis von mindestens einer dieser Allgemeinheiten gibt, nämlich das Ich als Wir. Dieses Ich bedeutet also, dass ich als Realisierung von etwas Allgemeinem, die durch das Wesen des Menschen bestimmt ist, existiere.

Aus der Erkenntnis dieser Allgemeinheit lässt sich auch verstehen, wenn andere Menschen Gefühle ausdrücken, z.B. „Ich habe Hunger“. Dazu müssen wir diese Gefühle nicht selber haben sondern wir können sie nachvollziehen. Diese Nachvollziehbarkeit führt dazu, dass es auch andere Washeiten, also andere Dinge gibt.

Die Wissenschaft soll die Wahrheit über das Wesen eines Dings akkumulieren. Sie kann dabei auch normativ vorgehen und untersuchen, inwiefern die Realität vom Konzept (also der Form) abweicht. Dieses Vorgehen kann allerdings dann dogmatisch werden, wenn die bloße Erscheinung als das Wesen eines Dings aufgefasst wird. Dies liegt darin begründet, dass keine Realität prototypisch sein kann.

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