Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (18.12.2013)

Die Geschichte der Philosophie beginnt mit der verlorenen geglaubten Einheit der Welt, was zu einer Krise in verschiedenen Regionen der Welt führte. Als erste Aufgabe hatte die Philosophie daher die Suche nach dem Einheitsprinzip. Nachdem die ersten Ideen auf Materielles (wie z.B. Wasser oder Luft) gingen, wurde klar, dass das Einheitsprinzip nichts Materielles sein kann sondern ein Konzept sein muss. Im antiken Athen wurde diese Einheit in der Vielfalt gefunden, d.h. die Menschen reden trotz unterschiedlicher Meinungen miteinander und Kritik ist explizit erlaubt. Daraus entwickelte sich als neue Haltung eine Denk- und Gesprächskultur. Diese Geisteshaltung hat sich bewährt, da sie nicht nur moralisch sondern auch praktisch erfolgreich war; schließlich konnten die Athener sich gegen äußere Feinde wie die Perser behaupten. Die Geisteshaltung führte aber auch zur zweiten Krise. Denn es sind Kriterien notwendig, um zu entscheiden, ob ein Vorschlag gut oder schlecht ist. Während der sophistische Weg die Güte eines Vorschlags rein an dessen Erfolg misst, steht in der Philosophie die Wahrheit im Mittelpunkt.Der geschichtliche Abriss bis zur Entwicklung der institutionalisierten Philosophie endet mit Aristoteles. In einem gewissen Sinne hat die Philosophie mit Aristoteles einen bestimmten Reifegrad erreicht und ihren Platz in der menschlichen Gesellschaft gefunden. Aristoteles hat sowohl die Methode als auch die bis heute noch gültigen Fragestellungen der Philosophie entwickelt.

Disziplinen der Philosophie

Grob gesprochen lässt sich die Philosophie als die Wissenschaft vom Selbstbewusstsein charakterisieren. Ihr Gegenstand ist einerseits die Wahrheit (im Sinne der Entsprechung der Gedanken zur Welt vermittelt durch die Sprache), andererseits die Erkenntnis, dass wir uns selbst erkennen. Die beiden Disziplinen Theoretische und Praktische Philosophie betrachten den Gegenstandsbereich aus einem bestimmten Blickwinkel. Nach Aristoteles liegt das Ziel eines gelungenen Lebens sowohl im Durchschauen aller Dinge (dem Arbeitsbereich der Theoretischen Philosophie) als auch darin, die optimale bzw. beste Tätigkeit durchzuführen (Praktische Philosophie). Allerdings erachtet Aristoteles die Theorie für wertvoller als die Praxis, da diese auch das betrachtet, was den Menschen übersteigt. Die Theoretische Philosophie hat als die Wahrheit in Bezug auf die Existenz im Allgemeinen zum Thema und die Praktische die Wahrheit in Bezug auf die Existenz des menschlichen Lebens. Die Praktische Philosophie untersucht u.a. das Verhältnis von Individuen zur Gemeinschaft, von Individuum zu Individuum (Ethik) aber auch die Bewertung konkreter Situationen (angewandte Ethik).

Die Gedanken lassen sich nun in zwei unterschiedliche Gruppen klassifizieren. Bei Gedanken mit einem direkten Realitätsbezug ist der Gegenstand der Gedanken die Realität selbst (z.B. referenziert der Gedanke an eine bestimmte Flasche eben diese Flasche). Im Gegensatz dazu können Gedanken auch auf andere Gedanken bezogen sein und haben dann keinen direkten Realitätsbezug mehr sondern stellen Konzepte dar. Ein Beispiel dafür ist das Konzept der Nation, welches durch die Bürger eines Staates gebildet wird. Dass diese Unterscheidung der Gedanken wichtig ist, zeigt sich z.B. an den Zahlen. Diese können entweder real oder konzeptuell sein, was große Auswirkungen auf Naturgesetze mit Zahlen hat. Die Ordnungszahl von Wasserstoff ist beispielsweise 1. Werden Zahlen konzeptuell gedacht, ist die 1 losgelöst vom Wasserstoff. Werden sie hingegen real gedacht, gehört die 1 irgendwie zum Wasserstoff dazu, d.h. die Zahl geht auf eine bestimmte Art und Weise in das Element ein.

Themen der Theoretischen Philosophie

Aus dem Gegenstandsbereich entwickeln sich verschiedene Dimensionen der Theoretischen Philosophie, In der Regel werden philosophische Probleme entlang mehrerer dieser Dimensionen untersucht. Im Fokus der Wahrheitstheorie steht die Wahrheit selbst und der Bezug der Gedanken zur Realität. Hierunter fällt auch die Frage nach der Bestimmtheit der Realität und die Entwicklung verschiedener Wahrheitstheorien. Neben der Entsprechung der Gedanken der Welt kann Wahrheit auch als Entsprechung der Gedanken untereinander charakterisiert werden. Darüber hinaus lässt sich fragen, ob die Wahrheit überhaupt existiert.

Im Rahmen der Erkenntnistheorie beschäftigt sich die Theoretische Philosophie mit der Art und Weise, wir als denkende Menschen zur Wahrheit finden. Erkenntnis ist dabei die Menge der wahren Gedanken und deren Zuwachs dementsprechend Erkenntnisgewinn. Die Realisierung der Erkenntnis, d.h. das Wissen, ist dann der Gegenstandsbereich der Wissenschaftstheorie.

Um die Themen der Theoretischen Philosophie zu behandeln, stehen verschiedene Arbeitsweisen bzw. Methoden zur Verfügung. Die Metaphysik bzw. Ontologie untersucht die Existenz und stellt ein begriffliches Werkzeug zur Klassifikation von Gedanken zur Verfügung. Sie stellt die Frage nach der grundlegenden Form der Existenz, d.h. ob dies die Eigenschaften, die Form, die Substanz oder die Materie ist. Die zweite Methode ist die der Logik, in deren Rahmen die Gedanken selbst bzw. das Verhältnis von Gedanken untereinander untersucht werden. Hier stellt sich die Frage danach, ob es Grundgedanken gibt und sich Gedanken aus anderen Gedanken durch Syllogismen ableiten lassen. Beispiele für mögliche Grundgedanken sind unter anderem der Satz der Identität und der Satz des Widerspruchs. Ohne diese Grundgedanken scheint das Denken selber gar nicht möglich zu sein.

Die Dimensionen und Arbeitsbereiche der Theoretischen Philosophie lassen sich mit verschiedenen Werkzeugen behandeln, In der Sprachphilosophie geht es darum, Mehrfachbedeutungen von Wörter zu identifizieren. Darüber hinaus wird die Frage gestellt, inwiefern die Grammatik die Realität widerspiegelt (z.B. bei der Frage, was mit Röte einer Flasche gemeint ist). Sie untersucht also die Korrespondenz sprachlicher Ausdrücke mit den Gedanken. Die Phänomenologie hingegen untersucht die Konzeptualität bzw. Geistigkeit und versucht damit, Rückschlüsse auf die Realität zu ziehen.

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