Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (04.12.2013)

Bisher wurde die Geschichte der philosophischen Fragen geklärt. Ausgehend von der offenbaren Uneinheit wurde die Frage nach dem Prinzip der Einheit der Welt gestellt. Weiterhin stellt sich die Frage nach der Unterscheidung zwischen der Erscheinung und dem Wesen eines Dings. Die dritte große Frage ist schließlich die nach dem Wesen der Wahrheit.

Platon und Aristoteles

Eine erste strukturierte Beantwortung der Fragen finden sich in der Ideenlehre Platons. Allerdings bleibt bei ihm unklar, wie wir uns diese Ideen vorstellen sollen. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) geht hier einen Schritt weiter und beantwortet diese Frage damit, dass Ideen real Allgemeines sind (wobei unklar bleibt, ob diese Position eventuell auch von Platon vertreten wurde). Damit stecken also die Ideen der Dinge in den Dingen selbst (z.B. ist in der Erscheinung einer Flasche deren Idee vorhanden). Die Idee wird also durch die Materie realisiert.

An diesem kleinen Beispiel zeigt sich bereits, dass Aristoteles Platons Werk sowohl weitergeführt als auch kritisiert hat. Wie auch Platon mit der Gründung der Akademie hat Aristoteles mit der Gründung des Lyzeums zur weiteren Institutionalisierung der Philosophie beigetragen. Durch diese Institutionalisierung konnte die Philosophie in das Erziehungssystem integriert und damit in die organisierte Gesellschaft gebracht werden.

Es lässt sich festhalten, dass mit Aristoteles die meisten relevanten Fragen der Philosophie gestellt sind. Aus heutiger Sicht werden daher keine radikal neuen Fragen gestellt. Stattdessen werden die existierenden Fragen aufgenommen und auf andere Art und Weise beantworten. Durch seine umfassenden Arbeiten auf vielen Gebieten hat Aristoteles nicht nur die gesamte Philosophie sondern auch die Wissenschaft im Allgemeinen beeinflusst.

Eckpunkte aristotelischer Philosophie

Nach Aristoteles ist der Gegenstand der Philosophie die Wahrheit und damit die Entsprechung der Gedanken zur Welt. Da Aristoteles die These aufstellt, dass ein Gedanke wahr ist, wenn seine Struktur der Struktur der Welt ist, lassen sich mindestens zwei Arten von Wahrheiten identifizieren. Einerseits kann der Geist dem Hier und Jetzt entsprechen; dann spricht man von Wahrheit bezogen auf das Hier und jetzt, als dass etwas ist (Dasheit). Andererseits kann man auf das Wesen einer Sache rekurrieren, also dass etwas etwas bestimmtes ist (Washeit), z.B. ist das Wesen von Wasser die chemische Formel H2O. Aus der Strukturformel des Wassers lassen sich dann wahrnehmbare Eigenschaften ableiten, womit Wahrheit auf Umwegen und nicht direkt entdeckt wird.

Die Frage der Wahrheit wird bei Aristoteles aufgespalten, da es ihm zufolge keinen einzelnen Grund für das Wesen eines Dings geben kann. Damit grenzt er sich von vielen seinen Vorgänger ab, die alles auf genau einen Grund zurückgeführt haben (z.B. das Wasser bei Thales oder die Luft bei Anaximenes). Um zu verstehen, warum etwas hier und jetzt etwas bestimmtes ist, ist es notwendig, alle Gründe zu verstehen. Aus diesen Konzepten hat Aristoteles die Vier-Ursachen-Lehre entwickelt.

Vier-Ursachen-Lehre

Unter Ursache versteht Aristoteles eine notwendige und hinreichende Bedingung, damit eine bestimmte Wirkung existiert, d.h. ohne eine entsprechende Ursache gibt es keine Wirkung. Für die Existenz eines Dings ist es notwendig, dass alle vier Ursachen vorhanden sind.

  1. Formursache: Damit ein Ding existiert, ist ein Konzept (morphe) dieses Dings notwendig, z.B. benötigt die Existenz einer bestimmten Flasche das Konzept einer Flasche. Die Form ist hierbei allgemein, z.B. haben alle Hunde Hundeform.
  2. Stoffursache: Um aus dem Allgemeinen Konzept etwas Einzelnes zu machen, ist eine bestimmte Materie (hyle) notwendig.
  3. Wirkursache: Damit ein Ding konkret existiert, ist eine Ursache dafür notwendig, dass dessen Stoff und Form zusammengekommen sind. Die Flasche wurde z.B. durch eine Maschine erstellt.
  4. Zweckursache: Alles, was existiert, hat einen bestimmten Zweck. Beispielsweise dient eine Flasche als Trinkgefäß.

Dinge, auf die diese Einteilung zutrifft, werden geformte Dinge genannt. Ein typisches Beispiel für ein nicht geformtes Ding, sind Wolken. Wird eine Wolke geteilt entstehen zwei Wolken und nicht eine “kaputte” Wolke. Im Gegensatz dazu ist die Flasche kaputt, nachdem sie geteilt wurde. Nicht geformte Dinge sind also bloß dem Namen nach Dinge und in Wirklichkeit Ansammlungen von Dingen.

Geformte Dinge lassen sich in die beiden Klassen natürliche und künstliche Dinge einteilen. Beide Klassen unterscheiden sich hinsichtlich der vier Ursachen voneinander. Die Form künstlicher Dinge stammt nicht von ihnen selbst. Stattdessen bestehen sie aus natürlichen Dingen, die in eine andere Form gezwungen (d.h. überformt) werden. Natürliche Dinge hingegen haben ihre Form aus sich selbst heraus und können diese auch weitergeben. Sie sind also selbst Wirkursache ihrer eigenen Form. Die Form eines natürlichen Dings bestimmt die Form aller seiner Teile (das Herz eines Menschen ist beispielsweise spezifisch menschlich). Damit durchdringt die Form alle Ebenen der Existenz. Da künstliche Dinge geschaffen werden, ist sowohl ihre Form- als auch ihre Wirkursache extern. Bei natürlichen Dingen sind hingegen beide Ursachen intern.

Wie auch die Form ist die Materie natürlicher Dinge spezifisch, z.B. bestehen Menschen aus Menschenfleisch. Künstliche Dinge haben hingegen keine spezifische Materie. Eine Flasche kann also aus verschiedenen Materialien hergestellt werden. Auch die Zweckursache unterscheidet sich bei beiden Klassen. Der Zweck natürlicher Ding ist ein reiner Selbstzweck: die Erhaltung der eigenen Art und die Realisierung der Form. Damit bilden sie eine Gruppe von Dingen, die formgleich sind. Der Zweck künstlicher Dinge ist dagegen extern gegeben. Dies gilt auch in der Kunst; der Zweck eines Kunstwerks ist nicht die Realisierung der Form sondern z.B. die Darstellung des Schönen bzw. die Schöne Darstellung von etwas.

Ordnung der Dinge

Aus der aristotelischen These, dass mit Wahrheit die Übereinstimmung der Gedanken mit der Welt gemeint ist, ergibt sich eine Frage hinsichtlich Gedanken über Gedanken. Es ist ein System notwendig, mit dem Gedanken geordnet werden können. Die erste Ordnung erfolgt anhand der äußeren Welt und ist damit eine Ordnung der Form. Sie drückt die Verwandtschaft verschiedener Dinge aus, womit Schlussfolgerungen möglich sind (z.B. die Erkenntnis, dass alle Lungenatmer Nieren haben). Die Gedanken dienen hierbei als Wiedergabe der Ordnung der äußeren Welt. Aristoteles bezeichnet dies auch als logische Ordnung bzw. Logik.

Die zweite Ordnung bezieht sich auf Seelenzustände und drückt damit innere Ordnungen aus. Hierunter fällt beispielsweise das Verstehen darüber, was jemand meint, wenn er etwas sagt. Aristoteles bezeichnet dies als Hermeneutik, d.h. Interpretation.

Grundsätzlich führt die These von Aristoteles, dass es eine natürliche Ordnung gibt, die wir im Denken abbilden können zu der Erkenntnis, dass es eine Ausnahmestellung des Menschen gibt. Denn im Gegensatz zu anderen natürlichen Lebewesen haben Menschen ein Wissen darüber, dass es diese Ordnungen gibt. Mit diesem Wissen ist nun auch eine nähere Bestimmung der Zweckursache des Menschen möglich – dieser sollte möglichst menschlich sein.

Den Ursprung dieses Wissens verortet Aristoteles in der Form. Diese ermöglicht es den Menschen zu erkennen, dass sie geformt sind. Im Gegensatz dazu nehmen Tiere die Welt nur über ihre Sinne wahr. Daher können sie nur äußere Dinge erkennen aber nicht das Wesen der Dinge. Der Mensch hat über die Sinne hinaus einen weiteren Zugang zum Wissen: das Denken. Durch unmittelbaren Zugang zur menschlichen Form lässt sich das Wesentliche vom Unwesentlichen eines Dings unterscheiden. Damit besitzen Menschen die Fähigkeit zur vorempirischen Erkenntnis.

Durch das Denken lassen sich verschiedene Dimensionen der Existenz erkennen, die Aristoteles Kategorien nennt, z.B. ein Ding ist etwas, ein Ding hat etwas (Eigenschaften) und ein Ding verhält sich (Bewegung). Das Wissen über die Kategorien entstammt nicht der Beobachtung von Dingen. Aristoteles bezeichnet die Wissenschaft von diesem Wissen Erste Philosophie und die Tätigkeit, die dieses Wissen schafft, Theoretische Philosophie.

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