Skript: Theoretische Philosophie Uni Leipzig (30.10.2013)

Die erste Bewährungsprobe der antiken griechischen Welt waren die Perserkriege, d.h. der Versuch der Unterwerfung durch die persische Großmacht. Durch die Auflehnung der Griechen gegen diese kam es zum Konflikt. Trotz ihrer zahlenmäßigen und technischen Überlegenheit gelingt es den Persern nicht, die Griechen zu unterwerfen. Die Frage nach den Gründen für diesen Erfolg sind aufgetaucht und wurden mit der politischen Welt bei den Griechen beantwortet.

Seele der Griechen

Herodot war einer derjenigen, der sich mit der Suche nach den Gründen des Erfolgs der Griechen befasst hat. Nach ihm müssen die Gründe bei den Menschen (bzw. in deren seelischer Konstitution) und nicht bei den Göttern liegen. Anhand der drei Seelenaspekte Vernunft, Wille/Freiheit und Begierde lassen sich Handlungen untersuchen und bewerten. Die beste Handlung ist dabei diejenige, bei der alle Aspekte im Einklang sind und keiner der Aspekte überwiegt.

Der Erfolg der Griechen liegt nach Herodot darin begründet, dass sich die Seele der Griechen von denen der Perser unterscheidet. Auf der Suche nach den Besonderheiten der griechischen Seele untersucht er dabei neben den Persern auch die Ägypter und die Skythen. Die Ägypter sind demnach sehr weise und ihre Handlungen teilweise selbst von Herodot nicht nachvollziehbar. Bei ihnen herrscht die Vernunft vor, was allerdings dazu führt, dass andere Seelenteile unterentwickelt sind, was sich z.B. bei Problemen in der Landesverteidigung zeigt. Die Skythen hingegen sind nomadisch geprägt und leben im Einklang mit der Natur unter der Herrschaft von Königen. Sie sind unbeherrschbar und haben seltsame Sitten. In ihnen überwiegt der Seelenteil der Freiheit.

Der Staat der Perser ist nicht rational aufgebaut. Stattdessen hat der König die absolute Macht und ist der Stärkste – auch im Gegensatz zu den Ägyptern, bei denen der Pharao immer noch an einen Staatsapparat gebunden ist. Niemand kann und niemand darf den König kontrollieren, was dazu führt, dass alle Perser Sklaven sind. Die Menschen sind Sklaven des Königs, der König ist Sklave seiner Begierden, dessen Macht auf Gewalt beruht. Nach Herodot liegen die Gründe für den Gewinn der Griechen darin, dass bei ihnen alle Aspekte der Seelenverfassung ausgewogen sind.

Zweite Krise: Macht der Rede

Der Erfolg des politischen Systems nach außen führt allerdings zu einer zweiten Krise, die diesmal innerhalb der Ordnung zu verorten ist. Der Mensch weiß mittlerweile um seine Autonomie und seine Mitbestimmung; er weiß aber auch darüber, dass dabei Regeln gelten. Neben der Hauptfrage, wie ein gutes Leben zu erreichen ist, stehen die Menschen vor weiteren klaren, praktischen Problemen darüber, was zu tun ist, z.B. ein Schiff bauen oder eine Brücke errichten. Dieses sogenannte Perfektionierungsproblem lässt sich auch unter der Frage zusammenfassen: Wie mache ich es richtig?

Eine erste Antwort darauf ist es, andere dazu zu bringen, den eigenen Weg als den richtigen anzusehen. Hier setzt die Erkenntnis an, dass durch mein Reden andere dazu gebracht werden können, das zu tun, was ich will. Dies führt zur Entdeckung der Macht der Rede, die aber auch verderblich sein kann, wenn sie nicht begrenzt wird.

Daraus entwickelt sich die Tradition der Redekunst (Rhetorik), deren grundlegende Idee es ist, dass die Manipulation durch Rhetorik sowohl möglich als auch moralisch richtig ist. Dies wird damit begründet, dass der Bessere bzw. Stärkere über den Schlechteren bzw. Schwächeren herrschen soll. Darauf bauen die damaligen Rhetoriklehrer auf, indem sie ihren Schülern Macht versprechen.

Der Dialog Kratylos von Platon versucht Gründe dafür zu finden, warum die Rede mächtig ist. Teilnehmer des Dialogs sind Kratylos, Hermogenes und Sokrates. Kratylos behauptet, die Rede hat Macht, weil sie die Natur der Dinge abbildet. Zum Beispiel enthält der Laut Stift alle Informationen über das Wesen eines Stiftes. Damit wird auch eine Kritik an der Kunst der Rhetorik ermöglicht; denn diese verdreht Wörter und vermittelt eine falsche Botschaft. Sie erzeugt damit einen Eindruck, der mit der Realität nicht übereinstimmt.

Der Deutung Kratylos’ widerspricht Hermogenes und behauptet, die Rede ist eine reine Machtfrage. Er verteidigt die Rhetorik durch die Behauptung, dass die Lautung mit der Natur der Sache nichts zu tun hat. Die Richtigkeit einer Rede wird durch deren Erfolg faktisch. Zum Beispiel wird eine neue Wahrheit erzeugt, wenn durch Überredung ein Käufer ein Pferd zum halben Preis kaufen kann. Denn damit ist das Pferd nicht mehr wert als der gezahlte Preis.

Sokrates kritisiert einerseits Hermogenes Behauptung, dass das Verhältnis zwischen Wort und Gegenstand rein konventionell ist. Denn damit würde keine Wissenschaft über die Rede existieren. Allerdings sieht er auch in Kratylos’ Behauptung Probleme, da es Fälle gibt, in denen das Wort nicht identisch mit dessen Wesen ist, was z.B. bei harten Dingen, die durch weiche Wörter ausgedrückt werden, der Fall ist. Wie in den meisten platonischen Dialogen bleibt die Frage nach den Gründen für die Macht der Rede vorläufig offen.

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