Das Geld zuerst

Shoppen und Ficken – Das Erfolgsstück der cammerspiele ist wieder da. Grund genug, diese Gelegenheit endlich beim Schopf zu packen und zu schauen, was dahintersteckt. Am 20. März war es dann soweit und der (vorerst) vorletzte Vorhang für Shoppen und Ficken fällt.

Bereits vor dem eigentlichen Beginn schlägt die Ästhetik der Warenwelt in voller Gänze zu – Schauspieler_innen, die wie zum Verkauf gedacht an Kleiderhaken hängen. Mitten unter uns, im kreisförmig angeordneten Zuschauer_innenraum, ein schmieriger Unsympath (wir lernen später: es ist der Dealer Mark, gespielt von Ricardo Endt).

Mark lässt uns an seiner Kindheit teilhaben, in der sein Vater ihn nach den ersten Worten der Bibel fragte. Und wir erfahren, diese Wörter sind: “Das Geld zuerst”. Um die Gruppendynamik im Zuschauer_innenraum zu stärken, werden wir alle Teil der Performance (oder ist es keine Performance sondern nur eine Dokumentation des gegenwärtigen Zeitgeistes?) und wiederholen mantraartig “Zivilisation ist Geld! Geld ist Zivilisation”. Damit ist der Rahmen gesteckt, das Licht geht aus und wir werden entführt auf eine emotionale Reise durch die Gefühlswelt unser Protagonist_innen.

Wir begleiten Lulu (Katja Fischer) und Robbie (Philipp Nerlich), zwei vielleicht gescheiterte vielleicht auch nur repräsentative Existenzen auf der Suche nach Liebe und Glück. Doch bereits seit Erich Fromm wissen wir, dass der Kapitalismus nicht nur unser Handeln sondern auch unser Lieben ändert (Die Kunst des Liebens, 1956; Haben oder Sein 1976). Wir verkaufen uns auf dem Persönlichkeitsmarkt, optimieren uns und möchten ein möglichst gutes Geschäft mit uns selber machen. Ganz im Sinne Fromms bleibt unklar, ob Lulu und Robbie “in Liebe sind” oder “die Liebe gefunden haben”. Deutlicher wird es da schon bei den anderen beiden Hauptpersonen – Brian (Jens Dörre) ist gar nicht erst auf der Suche nach der Liebe. Und stößt damit bei Gary (Sarah Arndtz) auf (Achtung!) Gegenliebe. Doch natürlich kann das nicht allzu lange gut gehen. Das Drama ist vorprogrammiert durch die Entdeckung des eigenen Gefühls, das doch so gar nicht zur eigenen kalten, deemotionalisierten Gedankenwelt passen will.

Im Rahmen dieses Settings begeben wir uns auf eine emotionale Reise durch die Abgründe des heutigen Seins, erleben Aufstieg und Fall unserer vier Protagonist_innen, lachen und leiden mit ihnen, freuen uns für und ekeln uns vor ihnen, fühlen uns beklemmt und befreit; kurzum: lassen selber Gefühle zu. Diese emotionale Berg- und Talfahrt ist sowohl dem beeindruckenden Spiel der vier Darsteller_innen als auch der durch geschickte Einbeziehung von Licht und Ton überzeugende Inszenierung von Elisa Jentsch zu verdanken. Der geringe räumliche Abstand zum Spiel erzeugt ein Gefühl des Mit-Dabei-Seins, aber doch mit dem beruhigenden Wissen im Hintergrund: Ist ja alles nur Theater und gar nicht echt. Aber ob dieses Wissen begründet ist und uns schützt, darf doch bezweifelt werden. Und genau das sorgt an diesem Theaterabend für weiteres notwendiges Nachdenken!

Shoppen und Ficken nach Mark Ravenhill (1996) in der Inszenierung von Elisa Jentsch. Leider keine aktuellen Aufführen mehr.

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