mein faust – Hartmann gegen das Publikum

Da ist sie also – die zweite große Premiere der letzten Spielzeit unter Sebastian Hartmann im Leipziger Centraltheater. Und gleichzeitig seine letzte Produktion an diesem Haus. Mit mein faust will er „eine komplett eigene Lesart des Faust-Stoffes, die von der Suche nach der Essenz eines jahrhundertealten Stoffes gekennzeichnet ist“ (aus der Stückbeschreibung) erarbeiten. Nach Krieg und Frieden soll in mein faust das Sterben einzelner im Fokus stehen. Der Teaser verspricht einen spannenden Theaterabend, der in der Hartmannschen Linie stehen sollte, den Kern eines Stücks hervorzuholen statt die literarische Vorlage exakt zu übernehmen.

Die Erwartungen an das Stück sind also schon da, denn Goethes Faust bietet mehr als genug Ansatzpunkte, um seine eigene Meinung wiederzugeben. Wir erinnern uns z.B. an Nicolas Stemanns Faust in Hamburg, der im ersten Teil Faust, Gretchen und Mephisto als eine einzige multiple Persönlichkeit interpretiert und die bekannte Kapitalismuskritik in den zweiten Teil liest. Was also liest Hartmann aus dem Faust? Laut Ankündigungstext das Sterben des Einzelnen. Und natürlich immer wieder die lange Suche nach dem Stoff hinter Faust.

Zunächst begegnen wir einem wunderbaren Bühnenbild (von Hartmann, schließlich ist es ja auch sein Faust) sowie Darsteller_innen in ausschweifender barocker Kostümierung von Adriana Braga Peretzki. Gespannt vergehen die ersten Minuten ohne Ton und in absoluter Stille sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Und wenn auch im weiteren Verlauf keine Stille mehr herrscht bekommen wir trotzdem keine Text zu hören. Hartmann inszeniert seinen Faust komplett ohne Worte. Das lässt einen selber auch erst mal ohne Worte im Stuhl sitzen und die erste halbe Stunde darüber nachdenken, ob das denn gut gehen kann? Die Inszenierung orientiert sich am Theater der Grausamkeit, was schon zur Mitte des 20. Jahrhunderts für unspielbar befunden wurde.

Szene reiht sich an Szene und zeigt mehr oder weniger zusammenhängende Splitter. Im Werkstattgespräch zum Stück wurde bekannt gegeben, dass jede_r Schauspieler_in nacheinander eine_n Sterbende_n spielt. Der Rest des Ensembles begleitet dann als Schuld, Hass usw. Klingt an sich nach einer logischen Idee, wenn man sich die Stückbeschreibung nochmals in Erinnerung ruft. Geht aber leider einfach nur komplett am Publikum vorbei. Und hat mit Faust sowie dem Inhalt hinter dem Text auch gar nichts zu tun.

So gut wie das Bühnenbild und die Kostüme so sinnlos erscheint einem, was da auf der Bühne passiert. Zusammenhangloses Gestammel, Geschrei und Gehampel in wilder Abfolge. Auf Zwang peinliche, komische, abstoßende, beschämende, lustige und bedrückende Szenen wechseln sich ab. Über der gesamten Inszenierung steht ein großes Fragezeichen: Was soll das? Was will uns Hartmann damit sagen? Was bringt mir das bei der Suche nach der Essenz des Stoffes? Und dieses große Fragezeichen löst sich auch nicht auf sondern vertieft sich auch noch nach dem Stück.

So sehr die Inszenierung zu kritisieren ist, so sehr muss man (mal wieder) die Leistungen des Ensembles hervorheben. Denn sie versuchen ihr bestes, das unspielbare Theater ans Publikum zu bringen. Unter Einsatz aller geistigen und körperlichen (im wahrsten Sinne des Wortes) Fähigkeiten wollen sie die Ideen Hartmanns darstellen. Alleine, es bleibt beim erfolglosen Versuch. Selbst mir als erklärtem Fan Sebastian Hartmanns bleibt da nichts weiter übrig als diese Inszenierung abzuschreiben. Es klappt einfach nicht, in Hartmanns Gedankenwelt einzusteigen, worunter das gesamte Stück leidet.

Vielleicht aber habe ich es auch einfach nicht verstanden. Vielleicht war das Ziel des Stückes gar nicht, die Interpretation Hartmanns auf den Faust zu zeigen. Vielleicht ist Sebastian Hartmann einfach ein so guter Chef und verfolgt einen einfachen Plan. Er dekonstruiert das gesamte Theaterstück einfach nur, um die Qualitäten des Ensembles zu zeigen. Eine Art Bewerbungsgespräch für die Intendanz Enrico Lübbes auf dem Rücken des Publikums? Ich weiß es nicht. Die Profis von der Theaterfront mögen mir bei der Interpretation helfen, denn ich bin verwirrt (und auch enttäuscht) zurückgelassen wurden.

Fazit: Hart an der Grenze zum Saal verlassen und am Publikum vorbei. Peinlich berührte bis gequälte Gesichter sind in der Regel kein Zeichen für einen kommenden Erfolg. Dementsprechend gab es für das Ensemble am Schluss auch einen großen Applaus während beim Auftritt Sebastian Hartmanns doch einige Unmutsbekundungen zu vernehmen waren.

mein faust. Von Sebastian Hartmann. Dauer: ca. 2h 30min, nächste Aufführungen: 17.11., 23.11., 09.12., 15.12.

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