Bunbury oder Ernst sein ist alles – Letzter Vorhang für die Cammerspiele

Freitag, 20. Juli 2012, 19:30. Wir befinden uns im Leipziger Süden; genauer in der Galerie KUB in der Kantstraße. Hier geht heute zum ersten Mal der (vorerst?) letzte Vorhang für die Leipziger Cammerspiele auf. Mit der Premiere von Bunbury oder Ernst sein ist alles gibt es ein ganz besonderes Sommertheater, dass man mit einem großen lachenden aber auch einem nicht allzu kleinen weinenden Auge verfolgt. Das Stück von Oscar Wilde soll also diese letzte Spielzeit der Cammerspiele abschließen und – soviel lässt sich an dieser Stelle schon mal sagen – es war ein rasantes, furioses Finale.

Begeistert schon die Originalvorlage durch absurde Ideen und gekonnten Sprachwitz haben sich die Theatermacher_innen diesmal etwas Besonderes einfallen lassen: zwei Regisseure interpretieren das Stück auf ihre eigene Art und Weise. Den ersten Teil präsentiert uns Christoph Köhler, der uns in dieser Spielzeit bereits mit der Adaption des Zementgarten von Ian McEwan begeistern konnte. Die zweite Hälfte wird dann von Sebastian Börngen inszeniert, der in dieser Spielzeit unter anderem für Rausch verantwortlich zeichnete. Zwei doch recht unterschiedliche Typen, die auf jeden Fall Abwechslung versprechen.

Wir befinden uns also im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Unsere beiden Hauptdarsteller Algernon und Jack sind zwei Playboys, wie sie im Buche stehen. Damit sie bei Bedarf die Stadt verlassen können (Algernon) bzw. in die Stadt zum Amüsieren kommen können, erfindet der erste einen Freund namens Bunbury, der zweite einen Bruder namens – Ernst. Um das Ganze nicht zu einfach zu machen, verloben sich Ernst (also Jack) und Algernons Cousine Gwendolin. Bedauerlicherweise ist es Gwendolins größter Wunsch, jemanden namens Ernst zu heiraten; da ist ein Jack natürlich im Weg. Doch damit alleine ist es in dieser Verwechslungskomödie nicht getan. Denn auch Algernon verliebt sich – und zwar 1. Jacks Mündel Cecily, 2. auf Jacks Landsitz und 3. unter dem Namen Ernst. Dass Cecily ebenso wie Gwendolin von einem Mann namens Ernst träumt und sich ein Leben mit einem Mann anderen Namens nicht vorstellen kann ist dann die logische Konsequenz.

Aus dieser (komplizierter zu lesenden als anzuschauenden) Konstellation ergeben sich in der Folge eine Reihe verschiedener Irrungen und Wirrungen. Im ersten Teil scheut sich Christoph Köhler nicht, die Originalvorlage zu überzeichnen und seine Figuren auch mal dusselig dastehen zu lassen. Das mag nicht jeden Geschmack treffen ist aber doch für einen Einstieg in das Stück gut gelungen. Denn hier präsentieren uns Andy Scholz und Tim Josefski als Algernon und Ernst einen passenden Einblick in das Oberschichtenleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Fast möchte man meinen, dass im Hintergrund der Bühne ein Banner gespannt ist, welches in blau-gelben Lettern von spätrömischer Dekadenz spricht. Und nein, hier sind nicht die Engel der Stadtverwaltung gemeint sondern eine Spaßpartei mit drei Buchstaben; aber das ist ein anderes Thema. Dieser Seitenhieb musste nun sein, um zu zeigen, wie auch Christoph Köhler am Anfang des Stücks einige Seitenhiebe in Richtung der Leipziger Stadtspitze verteilt. Denn sowohl die Spaßpartei als auch die freie Szene in Leipzig haben momentan an 5 Prozent zu knabbern. Während man allerdings bei der einen hofft, dass sie drunter bleibt, wünscht man der anderen mehr zu bekommen.

Der erste Teil zeigt uns also, wie es sich so als Playboy lebt und außerdem die Verlobung zwischen Jack als Ernst und Gwendolin. Nach der Pause finden wir unsere Figuren wieder alle versammelt auf der Bühne. Und jetzt wird es erst mal etwas verwirrend – nicht nur Bunbury als solches ist eine Verwechslungskomödie sondern auch die Inszenierung lebt von der Verwechslung. Und hier bedient sich der Sebastian Börngens eines (nicht nur) in Leipzig wohlbekannten Kniffs und lässt seine Figuren über ihre Rollen diskutieren. Die eine will aufgrund konsequenten Nichtglaubens an die Liebe nicht mehr Cecily sein. Die andere hingegen ist ganz vernarrt darin, sich im zweiten Teil endlich zu verlieben. Fast hört man ein „Macht doch Was ihr wollt“ in der Luft hängen und Darsteller_in findet zur passenden Rolle.

Nachdem sich der Nebel etwas gelegt hat (sowohl der metaphorische als auch der aus der Nebelmaschine) geht es weiter und wir befinden uns im zweiten Teil auf Jacks Landsitz. Algernon hat die Gunst der Stunde genutzt und kommt in der Rolle als Ernst um sich mal Jacks Mündel genauer anzuschauen. Und natürlich wird sich verliebt! Dumm nur, dass Jack Ernst loswerden will, da sich Cecily zu sehr für ihn interessiert. Noch dümmer, dass dies ausgerechnet durch Ernsts Tot passieren soll. Man merkt – es ist eigentlich genug Stoff da, um noch mehr als die eingeplanten zwei Stunden zu füllen. Sebastian Börngen präsentiert uns den zweiten Teil als Mischung aus klassischem Theater, aus Musical (ja, es wird gesungen, getanzt und geherzschmerzt) und Slapstick. Toll anzusehen und -hören. Klasse inszeniert und auf den Punkt gebraucht.

Man merkt es – Bunbury oder Ernst sein hat begeistert. Sommertheater soll einfach und leicht verdaulich sein, ein gutes Gefühl hinterlassen. Genau das und noch viel mehr schaffen die Cammerspiele dieses Jahr. Denn es wird auch mal politisch und auf die Entscheidungen des Leipziger Stadtrats eingegangen – vor dem Hintergrund der Zukunftsperspektive nicht unverständlich. Daneben gibt es auch Elemente des modernen Theaters, die zeigen, dass sowohl Christoph Köhler als auch Sebastian Börngen wissen, was sie tun. Damit lässt sich eigentlich optimistisch in die Zukunft blicken.

Will man nach so einem Theaterabend einzelne Leistungen besonders hervorheben? Nein eigentlich nicht, auch wenn es Situationen und Besetzungen gibt, die einem besonders im Gedächtnis bleiben. An dieser Stelle nur ein großes Danke an das gesamte Ensemble der Cammerspiele vor, hinter und auf der Bühne! Wir warten auf eure Rückkehr!

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