Ein Marathon in acht Stunden – Faust I und II

Natürlich versucht sich nicht nur das Leipziger Studententheater an klassischem Stoff; dieser wird auch in anderen Theatern verarbeitet. Zur Zeit gastiert Nicolas Stemann mit Faust I und Faust II im Hamburger Thalia Theater. Neben getrennten Aufführungen gibt es auch das Doppel, in dem beide Werke am Stück gespielt werden. Daraus ergab sich am 10.03.2012 ein mehr als achtstündiger Marathon, von dem hier berichtet wird. Da dies natürlich keine alltägliche Aufführung ist, gilt an dieser Stelle schon einmal vorfristig der Dank dem Ensemble des Thalia Theaters – vor, hinter und auf der Bühne.

Dank Karten in der ersten Reihe Mitte ist man auch direkt am Geschehen dran. Die eigenen Füße berühren die ehrwürdigen Bretter, die an diesem Abend die Welt bedeuten werden. Von hier aus hat man zu Beginn freien Blick auf ein anfangs recht karg eingerichtetes Bühnenbild, in dem Sebastian Rudolph das Vorspiel auf dem Theater darstellt. Doch nicht nur das – er ist gleichzeitig Faust, der Engelschor, Mephistopheles und alles, was in der ersten Stunde im Stück auftritt. Durch diese authentische monologische Leistung ergibt sich eine Bindung Schauspieler – Zuschauer_innen, die sich mit Worten nicht lobend genug beschreiben lässt.

Als dann schließlich des Pudels Kern enthüllt wird und Mephisto das erste Mal dem Faust direkt entgegen tritt, betritt auch Philipp Hochmair die Bühne. Nun wechselt die Szenerie und er gibt in monologischer Form die auftretenden Figuren. Ohne allzu weit vorgreifen zu wollen – er ist die perfekte Besetzung für einen Teufel. Die Szenerie ändert sich wiederum, wenn Gretchen (Patrycia Ziolkowska) auftritt. Dieses Trio bestreitet dann den ersten Teil bis zum Ende.

Faust I wird somit in der Regie von Stemann als handwerklich vollendetes Theater aufgeführt und bleibt sehr dicht an der Vorlage. Weder gibt es überbordendes modernes Theater (was keinesfalls als Kritik zu verstehen ist) noch lässt sich relevante Kritik an der Inszenierung formulieren, die über subjektives Empfinden hinweg geht. Man erlebt recht biederes Theater (wiederum: kein Vorwurft), wobei die Zeit aufgrund der schauspielerischen Leistungen wie im Fluge vergeht. Die Art der Aufführung ist sicherlich auch der Vorlage geschuldet, die geschaffen für die Bühne ist.

Zwischen beiden Teilen gibt es eine etwas längere Pause, damit die Zuschauer_innen sich für den nun folgenden zweiten Teil stärken können. Und schon die Vorlage ist ja ein bombastisches Werk, welches Goethe bis ins hohe Alter beschäftigt hat und sich im Gegensatz zum ersten Teil eher auf die großen Verfehlungen der Menschheit konzentriert. Darum gibt es auch von Beginn an kleine Verständnishilfen, die direkt an die Zuschauer_innen adressiert sind. Eine gute Idee – zumal man vor weiteren vier Stunden Aufführung steht.

Von der kargen Inszenierung des ersten Teils ist man schon nach etwa 10 Minuten komplett entfernt, als die Bühne bevölkert mit Schauspieler_innen ist. Dabei wird Goethes Stoff – nicht zu Unrecht – modern gelesen und mit den heutigen Krisen in Verbindung gebracht. Hier wird es dann besonders in der Mummenschanz-Szene exzessiv, expressiv und gigantisch. Faust, Mephisto, der König und der gesamte Hofstaat feiern als gäbe es kein Morgen. Die Inszenierung erinnert hier bisweilen an die Festszenerie aus Luhrmanns 97er Verfilmung von Romeo und Julia. Nach der Szene, die einen etwas erschöpft zurücklässt, gibt es die erste (für den Rest des Abends auch einzige) Unmutsbekundung: Streichen wird gerufen. Allerdings nur aus einer einzigen Kehle; der Rest des Publikums ist doch mehr oder weniger begeistert.

In diesem Sinne geht der Abend auch weiter: Goethe wird in die Moderne geholt (um es mit den wiederkehrenden Worten Philipp Hochmairs als alter, bärtiger Josef Goethe zu sagen: Postdramatik! Postdramatik!). Dabei verzichtet Stemann allerdings bewusst auf allzu offensichtliche Deutungen – diese intellektuelle Aufgabe soll auch eher den Zuschauer_innen überlassen werden, die damit nicht bevormundet werden.

Neben dieser modernen Interpretation überzeugen auch andere Ideen der Inszenierung: ein weiblicher Goethe malt alle 100 Textzeilen eine Linie, so dass die schiere Masse der mehr als 12000 Zeilen (beide Teile) begreifbar wird. Es gibt eine Arie, in der gereimt wird um des Reimens willen – ganz sicher in Anlehnung an die Kritik Stemanns, dass bei 12180 Versen viel heiße Luft ist (aus einem Dialog zwischen dem Dramaturgen Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann). Dies soll nur eine kleine Auswahl darstellen; es lohnt sich die anderen Ideen selber zu betrachten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: auch wenn der Geist willig und das Fleisch manchmal schwach ist, sind die mehr als acht Stunden Theater wie im Flug vergangen. Dies liegt zum einem an der Bandbreite an Inszenierungsideen – vom klassischen Theater bis hin zu postmodernen, kapitalismuskritischen Exzessen ist alles dabei. Insbesondere Plätze in den vorderen Reihen sind sehr zu empfehlen, da nur so die Verbindung Zuschauer_in – Darsteller_in wahrhaftig existiert. Gerade die leiseren Szenen profitieren hiervon (und natürlich auch von der Hand Mephistos auf dem eigenen Kopf). Also noch einmal einen herzlichen Dank an alle Beteiligten für einen unvergesslichen Theaterabend, der sowohl fordernd als auch unterhaltend war.

Das Doppel gibt es noch zweimal im April und Mai bis zum finalen Vorhang im Juni. Weitere Infos auf den Seiten des Thalia Theaters.

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